Europalaver

Workshop vom 17. bis 24. April 2016 in Lyon für alle jungen Europäer

Vielfalt war das Schlagwort der Europalaver-Woche, die vom 16. Bis 24. April stattfand. 30 junge Europäer aus Kroatien, Bulgarien, Frankreich und Deutschland trafen sich in Lyon, um über Europa zu diskutieren, verschiedene europäische Kulturinstitute in Lyon kennenzulernen und Theater zu spielen.

Vor der Ankunft hatte die Gruppe der Teilnehmer scheinbar wenig gemeinsam, abgesehen von der Beherrschung der deutschen oder französischen Sprache und der Lust sich auszutauschen. Sie waren zwischen 15 und 30 Jahre alt und kamen aus verschiedenen Berufsfeldern, Studiengängen und Ausbildungsbereichen. Die einen schon berufstätig, als Arzt oder Lehrer, die anderen mit dem Ziel vor Augen, zukünftig einmal Kunstkritiker, Koch oder Musiker zu werden… Jeder hatte einen anderen kulturellen Hintergrund und eine unterschiedliche Vorstellung von Europa.

Während einer Woche, haben sie ihre Sichtweisen ausgetauscht und sich mit Fragestellungen zum heutigen Europa beschäftigt. Nach einer Einführung von verschiedenen Experten zu europäische Themen, befassten sich die Teilnehmer mit der europäischen Unionsbürgerschaft, der Vielsprachigkeit in Europa, den Sprachen der Einwanderer oder der kulturellen Identität.

DSC09645_kleinGibt es eine europäische Identität? Wie kann man die Kultur des eigenen Landes innerhalb der EU beschreiben? Welche Rolle spielt die Sprache bei der Bildung einer gemeinsamen Identität? Ist die Sprache Träger der Kultur, einer Kultur, mehrerer Kulturen? Würde uns eine europäische Sprache wie das Esperanto helfen, uns als Europäer zu definieren? Welchen Stellenwert hat die englische Sprache? Die Vielfalt Europas, bedeutet sie Reichtum oder ein Hindernis für seine Entwicklung?

In der Woche war die Vielfalt Zündstoff und Impuls für Diskussionen und Theater-Ateliers, geleitet von Matthieu Loos und Lorenz Kabas. DSC08915Ein besonderer Moment der Begegnung ergab sich, als sich die vier Nationalitäten einander vorstellten. Das Zwiebelspiel half jeder Gruppe, sich ihrer kulturellen Identität bewusst zu werden und daraus, ähnlich einer Zwiebel das Innere, also die wichtigsten Merkmale, herauszuschälen.

Von den Kroaten lernte die Gruppe, dass das Wort Kroatien von „Krawatte“ kommt und sich das kroatische Volk aus verschiedenen Völkern zusammensetzt, worauf die rot-weiß karierte Fahne verweise. Die Deutschen nannten den 2. Weltkrieg einen prägenden Bestandteil ihrer kulturellen Identität. Auch wenn ihre Generation keine Schuldgefühle mehr habe, so sei das geschichtliche Ereignis doch immer präsent und rege an, das eigene Handeln zu hinterfragen und zu reflektieren. Die Franzosen sprachen von der Republik und den Werten Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit als besondere Merkmale, die die französische Gesellschaft eine. Und die Bulgaren nannten die Folklore und Mythologie einen großen Schatz, auf den viele ihrer Traditionen basierten und erwähnten den einheitsstiftenden Wert der kyrillischen Schrift.

DSC09569So unterschiedlich die Beiträge der verschiedenen Gruppen auch waren, so hatten die Merkmale, die daraufhin jeder persönlich hinzufügen konnte, eher allgemein menschlichen Charakter: wie Vielfalt, Weltoffenheit, Neugierde, Sensibilität oder Wärme. Ist das nicht eine Basis, worauf eine gemeinsame europäische Identität wachsen kann?

Trotzdem wurde deutlich, dass der Beitritt zur EU aus der Perspektive von in junger Vergangenheit beigetretenen Ländern, auch Ängste hervorrufen kann – Angst davor die Identität zu verlieren, vor dem Anstieg der Lebensmittelkosten, oder davor die Außengrenze eines Kontinents zu repräsentieren, der mehr und mehr von Terror bedroht ist.

Doch am Ende der Woche waren sich alle einig, dass Europa etwas besonderes ist und viele Möglichkeiten bietet. Ein Zusammenschluss, der sich auf humanistischen Werten begründet, der es wert ist geschützt und verteidigt zu werden, aber auch offen sein muss und mitgestaltet werden kann.

DSC09887Am Freitag, den 22. April 2016 mündete der fruchtbare Austausch der Woche in einen öffentlichen Abend mit Diskussionen und Theater, der von Christine Ramel moderiert wurde. Dieser Abend gab den Teilnehmern die Möglichkeit, das Abenteuer der Europalaver-Workshops zu einem Ende zu bringen und mit dem Publikum über die Themen der Woche zu diskutieren, die sie mithilfe von kurzen Theaterszenen anstießen.

Neben den Vorträgen, Diskussionen und der Theaterwerkstatt, haben natürlich auch die informellen Momente wie die Fußballpartie in der Jugendherberge oder die Mittagspausen auf dem sonnigen Innenhof des Subsistances den Teilnehmern die Möglichkeit gegeben, sich kennen und schätzen zu lernen. So wurde im Laufe der Woche spürbar, wie die Gruppe zusammenwuchs, sich die Nationalitäten mehr und mehr mischten und die Sprachbarrieren immer weniger spürbar wurden.

DSC00124Waren die Teilnehmer als Kroaten, Bulgaren, Deutsche oder Franzosen gekommen, so reisten sie am 24. April als Europäer wieder ab voller Tatendrang, Europa zu gestalten und den Werten Leben zu verleihen. Das Motto Europas «Vereint in der Vielfalt» hätte auch das Motto des Europalaver-Projekts sein können.

Text: Manon Le Hir, Marie-Christine Kesting


Dieses Projekt richtete sich an Jugendliche und junge Erwachsene aus Europa, mit verschiedenen Nationalitäten und Hintergründen, zwischen 17 und 30 Jahren.

(Hier können Sie einen Eindruck von dem Workshop des vergangenen Jahres bekommen, der den Titel „Europa erleben“ hatte).


Leitung

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Matthieu Loos : Schauspieler, Autor, Regisseur und künstlerischer Leiter der Compagnie «Combats Absurdes», die in Lyon ansässig und in ganz Europa bekannt ist. Mit vier anderen europäischen Impro-Theatern, hat er das Projekt  Should I stayor Should I go durchgeführt.

photo_Christine-Ramel-h_200pxChristine Ramel : Sie ist als Fachberaterin und Journalistin in unterschiedlichen Kulturbereichen und europäischen Projekten tätig. Von 2010 bis 2013 koordinierte sie das europäische Projekt Take off in Lyon, welches auf die Begleitung junger Kunstschaffender spezialisiert ist.

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Lorenz Kabas : Schauspieler, Regisseuer, Musiker und Mitbegründer des ‚Theaters im Bahnhof’ in Graz, Österreichs größtem freien Theaterensemble. Er ist Dozent für Improvisation und zeitgnössische Theaterformen und leitet zahlreiche Workshops in Österreich und ganz Europa.


Das Projekt wird angeboten von der Plattform für deutsch-französische Kunst und findet in Zusammenarbeit mit zahlreichen europäischen und französischen Strukturen in Lyon statt, mit dem Goethe-Institut Lyon, dem Instituto Cervantes, der Maison de l’Europe et des Européens, Europe direct, der Cie Combats Absurdes, den Subsistances, der Alliance Française d’Osijek, der Association Roditeli, dem Kultur Kabinett und Tremplin Anepa. Das Projekt wird realisiert mit der Unterstützung der Hippocrene Stiftung, des Deutsch-Französischen Jugendwerks, der Région Rhône-Alpes und ist mitfinanziert von der Europäischen Union.

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