Passeurs d’Europe: „Das große XX. Jahrhundert“

Es ist einige Jahre her, da erschien dem freundschaftlich verbundenen Zusammenschluss verschiedener ausländischer Kulturstrukturen in Lyon eine gute Fee (…) – und flüsterte ihnen die Idee ins Ohr, junge Studenten aus verschiedenen Ländern der Welt mit der Dichtung ihres Landes zu konfrontieren. Welch lustige Idee! Und welch Herauforderung! In einer einzigen Veranstaltung die junge Generation und die Kunst der Dichtung zusammenzuführen, die so alt ist wie die Welt.
Catherine Taglioni, Mitbegründerin des Projekts für das Goethe-Institut und Präsidentin der Plateforme

Das Projekt Passeur d’Europe

am 8. und 9. März 2016
im Espace Hillel Lyon

Das Projekt „Passeurs d’Europe“ ist ein internationales Ereignis, das Poesie, Musik und Theater zu einer theatralen Lesung vereint, die am 8. und 9. März zum 12. Mal stattfand. Es ist Teil des Festivals « Printemps des poètes » und wird jährlich von der Plateforme organisiert in Zusammenarbeit mit zahlreichen europäischen und lokalen Kulturinstitutionen in Lyon.

visuel PdP 2016 mail 2Der Grundgedanke:
europäische Gedichte übersetzt in die Sprachen der Welt

Jede Struktur, die jeweils ein europäisches Land vertritt, wählt ein Gedicht in seiner Landessprache aus, im Rahmen des Themas, das vom Komitee von „Printemps des Poètes“ vorgegeben ist. Diese Gedichte werden daraufhin in viele Weltsprachen übersetzt und von Lesern unterschiedlichster Nationalitäten und Kulturkreise auf der Bühne zum Klingen gebracht, im Zeichen einer Weltoffenheit und eines Kulturdialogs. Die Leser werden begleitet von den Musikern des Conservatoire de Lyon, unter der Leitung von Véronique Boige.

„Die Idee von Europa ist nur schön und gültig, wenn sie offen für den Anderen ist, also für den Rest der Welt. So kam es zu der Entscheidung, dass die Gedichte in so vielen Sprachen wie möglich verstanden werden sollen.“ Catherine Taglioni

Die 12. Ausgabe : « Das große XX. Jahrhundert »

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©Jean-Marie Refflé

Das diesjährige Thema „Das große XX. Jahrhundert“ gab den Rahmen für die Auswahl der Gedichte vor, die die Regisseurin Gaëlle Konaté (Mama cie.) zu einer Zeitreise durch die vergangenen 100 Jahre inspirierten. In verschiedenen Szenen und Bildern ließ sie das letzte Jahrhundert vor den Augen der Zuschauer wieder aufleben, ein Zeitalter der technischen Errungenschaften, der Kriege und des globalen Zusammenwachsens.So vermittelte das portugiesische Gedicht „Ode Triunfal » von Álvaro de Campos die Begeisterung für die Technik zu Beginn des 20. Jahrhunderts, rief lautmalerisch das Rattern der Maschinen in Erinnerung und warb für „Fraternidade com todas as dinâmicas!“ (Bruderschaft mit allen Dynamiken!). Dabei war erstaunlich zu hören, wie unterschiedlich das rollende « rrrrrrr » der Maschinen in den verschiedenen Sprachen klingen kann.

Das englischsprachige Gedicht „An Irish Airman Foresees His Death“ (ein irischer Pilot sieht seinen Tod voraus) von William Butler Yeats leitete die dunkle Zeit der Weltkriege ein. Düstere Maskentänze, die aus dem Theatre Nô inspiriert waren, bebilderten die gespenstische Atmosphäre.

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©Jean-Marie Refflé

Beispiele der europäischen Avantgarde-Bewegungen, wie das surrealistische Gedicht «L’air de l’eau» (die Luft des Wassers) von André Breton oder das dadaistische Gedicht „An Anna Blume“ von Kurt Schwitters, nahmen die Zuschauer mit an den Rand des rationalen Denkens. Dass es in der Poesie nicht um grammatikalische Korrektheit geht, sondern ein spielerischer Umgang mit der Sprache möglich ist, erwies sich in folgendem Satz aus dem deutschen Gedicht, in dem es hieß „Ich liebe Dir“. Ein Satz, der sich als umso einprägsamer erwies und noch im Nachhinein in den Köpfen der Teilnehmer herumschwirrte.

Dann wandte das polnische Gedicht „Schyłek wieku” („Die Jahrhundertdämmerung“) von Wisława SZYMBORSKA einen letzten müden Blick zurück auf das 20.Jahrhundert und mit der nüchternen Erkenntnis: „Das Leben geht weiter“, schloss der Abend mit einem Maskenball, bei dem sich die vielen Gesichter und Grimassen der jüngeren Vergangenheit im Tanze umeinander drehten.

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©Jean-Marie Refflé

Dieses Jahr trafen auf der Bühne rund 30 Sprachen und Dialekte aufeinander – darunter Plattdeutsch, Quechua und Okzitanisch – um sich zu umspielen und zu mischen, und damit eine vorbabilonische Utopie zu bilden, eine Vision des globalen Miteinanders, in der die Sprache keine Barriere darstellt, in der Menschen sich verstehen, obwohl sie verschiedene Sprachen sprechen.

45 Teilnehmer konnten während der Woche, in der das Stück entstand, dieser Vision Leben verleihen. Das Projekt war ein besonderer Moment der Völkerverständigung und gegenseitigen Wertschätzung, den die Teilnehmer mit einem zahlreich erschienenen Publikum teilen konnten: denn jeder einzelne war wichtig, um seine Sprache und Kultur zu vertreten und die Gedichte in seiner Sprache erklingen zu lassen.

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©Jean-Marie Refflé

Gaëlle Konaté, Regie
Véronique Boige, musikalische Leitung
Romuald Valentin, Licht
Jennifer Testard und Joël Prudent, Schauspieler

Text: Marie-Christine Kesting

HIER gibt es eine Retrospektive von der Edition 2015 „Der poetische Aufstand“ und einen Artikel von Michel Dieuaide in Les Trois Coups.


Ein Projekt der Plattform (association Plateforme de la jeune création franco-allemande) in Zusammenarbeit mit zahlreichen europäischen und lokalen Kulturinstitutionen in Lyon: den sechs Instituten des Netzwerks EUNIC Lyon (Alliance Française, British Council, Goethe-Institut, Instituto Camões, Instituto Cervantes, Istituto Italiano di Cultura), dem Institut de Langue et de Civilisation Polonaises – mit der Unterstützung des Consulat de Pologne, der Maison de l’Europe et des Européens, dem Conservatoire de Lyon, der Université Lumière Lyon 2, den associations Amitiés France-Hongrie, dem Culture Tree, dem Théâtre des Asphodèles und dem Espace Hillel, mit der Unterstützung der Région Rhône-Alpes, der Stadt Lyon und dem Espace Pandora.

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