Mit Kunst gegen Ausgrenzung 2016

Interkulturelle Fortbildung
Frankreich/ Deutschland/ Québec
4.-12. Juni 2016 in Lyon

Dieser Austausch bot jungen Künstlern aus verschiedenen Disziplinen die Möglichkeit, zahlreiche Projekte in der Region Rhône-Alpes kennenzulernen, die sich mittels künstlerischer Praxis an Menschen in sozialer Ausgrenzung richten.

thumb_dsc00481_1024Die Teilnehmer haben zum Beispiel das Opern-Projekt „Côté cour“ mit Schülern mit und ohne Behinderung besucht, ein Klangkunstprojekt in einem Stadtviertel mit einem hohen Ausländeranteil („Minguettes“) oder das Kultur-und Begegnungszentrum der Psychiatrischen Klinik „Ferme du Vinatier“, das eine Schnittstelle zwischen Stadt und Krankenhaus schafft.

Ein sehr bereichernder Moment der Woche war der Besuch des “Atelier créatif“ im Centre social de Parilly. Dort trifft sich jede zwei Wochen eine Gruppe von älteren alleinstehenden Menschen, um gemeinsam zu essen, Theater zu spielen, zu diskutieren und der Einsamkeit den Marsch zu blasen. Hassan Guaid leitet die Gruppe, aber er hat eher das Gefühl, dass er ein geladene Gast ist.

Das Ziel des Zusammentreffens ist nicht ein perfektes künstlerisches Produkt zu schaffen, sondern Spaß zu haben doch ihm ist wichtig, dass das Programm über den Konsum hinausgeht und einlädt, aktiv teilzunehmen.

Es schwabbt uns gute Laune entgegen. Alle freuen sich über unseren Besuch und berichten gern von ihren Erfahrungen. Als die schüchterne Claire erzählt, dass sie in einem Theaterstück die Hauptrolle gespielt habe, wird ihr Gesicht von einem Lächeln erhellt und Pierre sagt, die Gruppe sei nun seine neue Familie.thumb_dsc00642_1024An einer Aktivität, initiiert von der „Caravane des dix mots“, einem internationalen Kunstprojekt im französischsprachigen Raum, lassen sie uns durch ein Video teilhaben. Es ist ein Improvisationsspiel, wobei jeder ein Wortes erklären muss, das aus einem französischen Dialekt kommt und dessen Bedeutung sich nicht auf den ersten Blick erschließt. So wurde zu Beispiel das Wort „poudrerie“ (Schneetreiben, Québec) zur „poudre-riz“ (Puder aus Reis). Es war eine menschlich bereichernde Begegnung für alle Beteiligten.

Die Auseinandersetzung mit dem Thema fand nicht nur in Form von Projektbesuchen und Diskussionen, sondern auch anhand von künstlerischer Praxis statt.

Unter der Anleitung von der Choreografin Natacha Paquignon und der Fotografin Sarah Mulot, hatten die Teilnehmer die Möglichkeit, sich im Bereich Tanz oder Fotografie selbst auszuprobieren und eine eigene künstlerische Ausdrucksform zu finden, die am Nachmittag des 9.Juni bei der Café-Debatte zum Thema „Kunst, die verbindet“ der Öffentlichkeit präsentiert wurde.

Der gemeinsame thematische Ausgangspunkt, der als Inspirationsquelle diente, war der Koffer. Ein Requisit, das nicht nur mit positiven Momenten wie Reise und Abenteuer assoziiert wird, sondern auch mit Situationen, in denen man sich fremd und ausgegrenzt fühlen kann wie das Zielpublikum, mit denen die Workshop-Teilnehmer arbeiten möchten.

thumb_dsc00525_1024Die tänzerische Herangehensweise begann mit einem Brainstorming: Welche Erinnerungen verbinde ich mit einem Koffer? Darauf folgte ein Moment der Improvisation. Koffer verschiedenster Größen, die auf der Bühne des Toï Toï verteilt waren, luden ein, neue Bewegungen zu entdecken. Die Choreografin Natacha Paquignon warf Satzfetzen ein, die bei dem Brainstorming gefallen waren wie: Das, was ich hinter mir lasse; die Freude, etwas Neues zu entdecken; vorwärts gehen oder Eine Auswahl treffen.

Insbesondere dieser Satz beschäftigte auch die andere Hälfte der Gruppe, die unter der leitung von Sarah Mulot einen visuellen Ausdruck für das Thema suchte. Ihre besondere Herausforderung bestand darin, in der Woche nur ein einziges Foto zu schießen, das sie erst am Nachmittag der Café-Debatte vor den Augen der Zuschauer, entwickeln würden.

Nach so vielen Erfahrungen und Eindrücken der Woche, war sich die Gruppe einig : Wenn die Kunst das Blickfeld erweitern kann und dort hilft, eine poetische Kraft zu entfalten, wo sonst der Alltag die Gedanken bestimmt, dann lässt uns das Teilen der Kunst erst ihren Wert und ihre volle Kraft erfassen.

Text: Marie-Christine Kesting

Weitere Fotos auf facebook.

Künstlerische Leitung

Natacha Paquignon

Natacha_petit

Die Tänzerin und Choreographin der Compagnie Kat’chaça aus Lyon beschäftigt sich in ihrer Arbeit mit der Idee der Grenze: die Grenzen zwischen künstlerischen Disziplinen, zwischen urbanen und ländlichen Siedlungen und deren Bewohnern, zwischen Professionellen und Amateuren, zwischen dem Theater und dem öffentlichem Raum. Seit 2012 setzt sie sich mit der choreografischen und digitalen Sprache auseinander und untersucht das Verhältnis zwischen Tänzer und digitalem Umfeld, zwischen Publikum und Kunstwerk. / www.katchaca.fr

Sarah Mulot

Sarah-Mulot

Sarah Mulot ist seit 2007 künstlerische Leiterin des Kollektivs Ohm_Art, Initiator für partizipative Kunstaktionen, die zum Eintauchen und Nachdenken anregen. Ihr Medium ist die Fotografie an der Schnittstelle von Bildender und Darstellender Kunst.
Die Erfahrung des Bildes manifestiert das zerbrechliche Verhältnis eines jeden zur Außenwelt, was uns erlaubt diese unsichtbaren Fenster
zur Welt als poetisches Material zu betrachten.“ www.ohmart.blogspot.fr

Tarif: 400 € inklusive Unterkunft und Verpflegung.
Ein Teil der Reisekosten kann nach dem Atelier erstattet werden

Kontakt und Infos: Association Plateforme de la jeune création franco-allemande / 04 78 62 89 42 / www.plateforme-plattform.org / info@plateforme-plattform.org

Dokument zum Herunterladen:

Bewerbung: Lebenslauf und kurzes Motivationsschreiben an die Plateforme senden:  info@plateforme-plattform.org

Lesen Sie mehr Informationen zu der Ausgabe von 2015 auf unserer Webseite und sehen Sie sich Fotos dazu auf facebook an.

Dieser Workshop wird seit 2013 in Zusammenarbeit mit diversen Partnerstrukturen in Deutschland, Frankreich und Québec organisiert, darunter Toï Toï le Zinc und die compagnie Kat’chaça; mit der Unterstützung des Deutsch-Französischen Jugendwerks, des Office franco-québécois pour la Jeunesse / LOJIQ und der Region Auvergne – Rhône-Alpes.

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