Avignon, eine kritische Reise durch das Festival

Deutsch-französisch-belgischer Workshop
Vom 17. – 24. Juli 2016 in Avignon

DSC01423Wenn man die Rhône überquert, man den Blick über die berühmte Silhouette der Pont d’Avignon streifen lässt und einem der  Mistral-Wind durch die Haare fährt, darf man nochmal tief einatmen, bevor man sich in das Getümmel stürzt. Avignon ist im Ausnahmezustand während des alljährlichen Festival d’Avignon, das  zu den wichtigsten internationalen Festivals für darstellende Künste zählt. Jede freie Wand ist mit Plakatgirlanden tapeziert und die Straßen von Schauspieltruppen bevölkert, die den Besuchern voller Hingabe ihre Stücke anpreisen oder Ausschnitte daraus präsentieren und großzügig ihre Flyer verteilen.

Bei so einer Reizüberflutung ist es nicht leicht eine Auswahl zu treffen aus dem ausufernden Programm des IN und OFF-Festivals. Orientierungshilfe bot der Workshop „Avignon, eine kritische Reise durch das Festival von Avignon“, unter der Leitung des französischen Regisseurs Mathieu Huot und des deutschen Schauspielers Thomas Kellner. Vom 17. bis 24. Juli 2016 versammelte sich eine Gruppe von jungen Theaterbegeisterten aus Frankreich, Deutschland und Belgien, um anhand von Theaterbesuchen, Diskussionsrunden und künstlerischer Praxis einen möglichst breitgefächerten Eindruck des Festivals zu gewinnen.
Gespräche mit Schauspielern, Regisseuren und Organisatoren erlaubten einen Blick hinter die Kulissen und die Beschäftigung mit den Konditionen des OFF-Festivals einen kritischen Abstand zum Geschehen (im Gegensatz zum offiziellen Festivalprogramm, genannt IN, werden die Aufführungen des OFF-Festivals größtenteils von den Kompagnien selbst finanziert).

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Eine Besonderheit war, dass das Treffen mit den Kompagnien auch praktische Anteile hatte. So stellten sie sich nicht nur den Fragen der Gruppe, sondern teilten mit ihr auch eine Übung, die die Herangehensweise an das gesehene Stück erklärte. Das ermöglichte einen besonderen Einblick in die Arbeitsweise der Kompanie, aber auch einen neuen Zugang für das Verständnis des Stückes.

Das Stück „Das Verschwinden“ („La Disparition“, Begat Theater) auf dem Festival Villeneuve, das auf Wandertheater spezialisiert ist, konfrontierte die Gruppe zum Beispiel mit den Rezeptionsgewohnheiten. Was macht es mit dem Zuschauer, wenn er plötzlich alleine unterwegs ist, selbst auf der Spur einer verschwundenen Person?

DSC01369Die Choreographie „Babel 7.16“ (Sidi Larbi Cherkaoui und Damien Jalet), die die Gruppe im Herzstück des Festivals – dem Papstpalast – sah, warf die Frage auf, inwieweit der Rahmen die Erwartungen beeinflusst. Unterscheiden sich die Vorerwartungen, je nachdem ob man ein Stück im Papstpalast oder in einem kleinen Kellertheater sieht?

Oder die Inszenierung des Textes „Die 120 Tage von Sodom“ („Les 120 journées de Sodome„, Agnès Bourgeois), der die Vergewaltigung von Kindern thematisiert, stellte die Gruppe vor die Frage, ob eine Inszenierung Stellung zu seinem Inhalt beziehen sollte. Unterscheiden sich bei dieser Frage womöglich die Wünsche und Sehgewohnheiten, je nachdem aus welchem Land man kommt?

Bei einem Pensum von durchschnittlich zwei Theaterbesuchen pro Tag, merkten die Teilnehmer schnell, dass auch Zuschauen etwas Aktives ist. Sich jedes Mal auf neue Themen einzulassen, sich seine Erwartungen bewusst zu machen und dann eine differenzierte Meinung zu bilden, verlangt Einsatz.
Ein Bestandteil der aktiven Wahrnehmung bildete die kreative Verarbeitung der Stücke. Die Teilnehmer waren eingeladen, ihre Eindrücke in eine künstlerische Form zu bringen, zum Beispiel als Text, Spielszene oder Tanz. Das erlaubte verschiedene Ebene der Wahrnehmung zu verarbeiten und war ein interessanter Auftakt für die Diskussionen.

DSC01429Auch wenn am Ende der Woche die Füße schmerzten und der Theaterhunger erstmal gestillt war, blieb doch die Fanfare – Wiedererkennungsmerkmal des IN-Festivals – noch lange als Melodie im Ohr und sicherlich wird die intensive Auseinandersetzung mit den Stücken auch zukünftige Theaterbesuche verändern.

Text: Marie-Christine Kesting

Dieser Workshop richtete sich an junge Schauspieler/innen, Regisseur/innen und Auszubildende anderer Theaterberufe, die neben Neugierde und Begeisterung für das Theater, Lust auf einen offenen interkulturellen Austausch mitbringen.

Entdecken Sie mehr Fotos vom den Workshop auf unserer facebook-Seite.


Künstlerische Leitung:

Mathieu Huot ist Regisseur, Schauspieler und Performer mit einem Abschluss in Politikwissenschaften und Regie. Er gründet 2008 die Cie Mahu und beginnt eine transdisziplinäre Arbeit in Frankreich und im Ausland, in deren Zentrum Aspekte wie Identität, Andersartigkeit und das Akzeptieren von Unterschieden stehen. In seiner Arbeit überschreitet er Grenzen, seien es jene der künstlerischen Disziplinen, der Schulen, der Genres oder der Kulturen und sozialen Schichten.

Photo NB ThomasKellnerThomas Kellner ist Schauspieler und hat Theater- und Medienwissenschaften studiert unter anderem in Linz, Bayreuth und am CNSAD in Paris. In Deutschland spielt er in Stadttheatern ein klassisches, modernes und zeitgenössisches Repertoire. In Frankreich gründete er die Compagnie ‘J’aime ce Garçon’.


Hier finden Sie alle Infos auf einen Blick:

Der Workshop wurde angeboten von der Plattform in Zusammenarbeit mit der Université Libre de Bruxelles, dem Kulturkabinett in Stuttgart, der Université d’Avignon et des Pays de Vaucluse, dem Festival d’Avignon und dem Festival „Villeneuve en Scène“. Mit der Unterstützung vom Deutsch-Französischen Jugendwerk und von der Région Rhône-Alpes.

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